[London] 15. Juli 1858
9, Grafton Terrace, Maitland Park
Lieber Engels,
Ich ersuche Dich d'abord1, nicht zu erschrecken über den Inhalt dieses Briefes, da er durchaus kein appeal2 zu Deiner schon ungebührlich beanspruchten Kasse sein soll. Andernseits ist es aber nöthig, gemeinschaftlich zu überlegen, ob irgendein Ausweg aus der jetzigen Situation gefunden werden kann, denn sie ist absolut nicht länger haltbar. Ihr unmittelbares Resultat war bereits, daß ich completely disabled3 bin von Arbeiten, indem ich theils die beste Zeit mit Herumlaufen und nutzlosen Versuchen, Geld aufzutreiben, verliere, theils meine Abstraktionskraft nicht länger standhält, vielleicht infolge mehr heruntergekommner Körperlichkeit, gegen den Hausjammer. Meine Frau ist nervös zerrüttet durch den Dreck, und Dr. Allen, der zwar eine Ahnung hat, wo der Schuh pinches4, aber natürlich doch nicht die wahre Sachlage kennt, hat mir jetzt wiederholt und positiv erklärt, daß er nicht vor Gehirnentzündung oder ähnlichem stehn kann, wenn sie nicht auf längere Zeit in ein Seebad geschickt wird. Ich meinerseits weiß, daß unter den jetzigen Umständen ihr selbst letztres, wenn es möglich wäre, nicht nützen würde, solange der tägliche Druck und das Gespenst einer unvermeidbaren Schlußkatastrophe sie verfolgt. Letztre aber ist nicht mehr lang aufzuschieben, und selbst das Auflenken für ein paar Wochen läßt den unerträglichen täglichen Kampf mit den mere necessaries5 bestehn und läßt die allgemeine Situation so, daß alles drüber zugrunde gehn muß.
Da es in London angebliche loan-societies gibt, die ohne securities6, nur auf references7 hin loans8 von 5–200 £ ankündigen, versuchte ich eine derartige Operation, indem Freiligrath und ein épicier9 sich als referees10 anboten. Das Resultat war, daß ungefähr 2 £ St. auf fees11 draufgingen. Die letzte abschlägige Antwort erhielt ich vorgestern. Ich weiß nicht, ob ich noch einen abermaligen Versuch der Art machen soll.
Damit Du eine Einsicht in die wirkliche Sachlage erhältst, habe ich von meiner Frau mir eine Berechnung aufstellen lassen für die 20 von Dir vorgeschossnen Pfunde und für 24 £, die ich am 16ten Juni auf die „Tribune“ zog (wovon 2 £ überzogen waren). Du wirst daraus ersehn, daß, sobald eine solche größere Summe kommt, auch kein Pfennig übrigbleibt auch nur für die dringendsten täglichen Ausgaben, von irgendwelchen Lebensgenüssen gar nicht zu sprechen; daß den folgenden Tag exakt der ekelhafte struggle12 wieder beginnt, und die nur sehr spärlich abgezehlten Gläubiger in sehr kurzer Zeit mit ihren in der Zwischenzeit wieder angewachsnen Forderungen exakt denselben Druck wieder ausüben. Du wirst gleichzeitig sehn, daß z.B. meine Frau nicht einen farthing für sich selbst in Kleidern etc. verausgabt, während der status für die Sommerdresses13 der Kinder unterproletarisch ist. Ich halte es für nötig, daß Du diese Details durchgehst, da es sonst unmöglich ist, zu einer richtigen Beurteilung des case14 zu kommen.
Berechnung für 20 £ am 19. Mai. Davon bezahlt:
| Steuern (Wasser, Gas) | £ 7 — |
| Pfandhauszinsen | „ 3 — |
| Aus dem Pfandhaus genommen für | „ 1 10 [sh.] |
| Lohn | „ 2 — |
| Tallyman15 (dem wöchentlich abgezahlt werden sollte für einen Rock und Hose) | „ — 18 ‚ |
| Schuhe und Hüte für die Kinder | „ 1 10 ‚ |
| Bäcker | „ 1 — |
| Metzger | „ 1 10 ‚ |
| Epicier16 | „ 1 — |
| Cheesemonger17 | „ — 10 ‚ |
| Kohlen | „ — 10 ‚ |
Berechnung für 24 £ am 16. Juni von der „Tribune“
| Schule für Quarter18 Februar, März, April | £ 8 — |
| Von Schapper geliehnt für tägliche Ausgaben während 4 Wochen, ihm zurückgezahlt | „ 3 — |
| Wäsche aus dem Pfandhaus genommen | £ 2 — |
| Lohn | „ 1 — |
| Tallyman | „ 1 4 [sh.] |
| Metzger | „ 2 — |
| Epicier | „ 2 — |
| Greengrocer19 | „ 1 — |
| Hemden, Kleider usw. für die Kinder | „ 2 — |
| Bäcker | „ 2 — |
Seit dem 17ten Juni war also wieder kein Pfennig im Hause, und um während 4 Wochen die täglichen Ausgaben zu bestreiten, die bar bezahlt werden müssen, pumpten wir von Schapper 4 £, wovon aber ungefähr 2 £ für die verfehlten loan operation in fees20 draufgingen.
Der ganze Schuldenetat, wie er jetzt in London steht, ist folgender, der Dir zeigen wird, daß ein großer Teil desselben aus Schulden an kleine épicierers besteht, die zur äußersten Grenze ihres Kredits gegangen sind.
| Hauszins fällig am 25. Juni | £ 9 — |
| Schule fällig 2. August | „ 6 — |
| Zeitungsmann (für ein Jahr) | „ 6 — |
| Tallyman | „ 3 9 [sh.] |
| Metzger | „ 7 14 ‚ |
| Bäcker | „ 6 — |
| Epicier | „ 4 — |
| Greengrocer und Kohlen | „ 2 — |
| Milchmann | „ 6 17 ‚ |
| Geschuldet an alten Milchmann und Bäcker von Soho | „ 9 — |
| Dr. Allen (7 £ St. abgezahlt vom vorletzten „Tribune“-Geld) | „ 10 — |
| Lina Schöler | „ 9 — |
| Schapper | „ 4 — |
| Pfandhaus | „ 30 — |
Von diesen Schulden sind es nur die an Dr. Allen, Lina Schöler, den alten Gläubigern in Soho und einen Teil des Pfandhauses mir nicht dringend.
Die ganze Geschichte dreht sich also darum, daß die spärliche Einnahme nie für den kommenden Monat bestimmt ist, sondern immer nur hinreicht, um die Schulden – nach Abzug der stehenden Ausgaben von Haus, Schule, Steuern und Pfandhaus – soweit zu verringern, daß man nicht direkt auf die Straße gesetzt wird. In 4–5 Wochen habe ich about21 24£ an die „Tribune“ zu ziehn. Davon gehn gleich 15 ab bloß für Hauszins und Miete. Wird nur ein minimum für die andren Schulden abgezahlt – und es ist sehr fraglich, ob butcher22 etc. sich so lang gedulden –, so ist der Dreck dagegen wieder vermehrt um die 4 Wochen, die doch d'une manière ou d'une autre23 gelebt werden muß. Der landlord24 ist selbst von Gläubigern gehetzt und verfolgt mich wie toll. Ich sehe nicht, was ich machen soll, wenn es nicht möglich ist, ein loan bei einer loan-society oder life-assecurance Society25 zu bewirken. Wollte ich selbst zu der äußersten Reduktion der Ausgaben schreiten – z. B. die Kinder aus der Schule nehmen, eine rein proletarische Wohnung beziehn, die Mägde abschaffen, von Kartoffeln leben –, so würde selbst die Versteigerung meines Mobiliars nicht hinreichen, um nur die umwohnenden Gläubiger zu befriedigen und einen ungehinderten Abzug in irgendeinen Schlupfwinkel zu sichern. Der show von respectability26, der bisher noch aufrechterhalten wurde, war das einzige Mittel, einen Zusammenbruch zu verhindern. Ich für meinen Teil würde den Teufel darnach fragen, wenn ich endlich wieder eine Stunde Ruhe bekäme und meinen Arbeiten obliegen könnte, in Whitechapel zu leben. Für meine Frau in ihrem jetzigen Zustand könnte aber eine solche Metamorphose mit gefährlichen Folgen verknüpft sein, und für die heranwachsenden Mädchen wäre sie auch kaum geeignet.
I have now made a clean breast of it27, und ich versichre Dir, daß es mir keine geringe Überwindung gekostet hat. Aber enfin28, ich muß mich wenigstens gegen einen Menschen aussprechen. Ich weiß, daß Du persönlich nicht der Sache abhelfen kannst. Was ich verlange, ist nur Mitteilung Deiner Ansichten, what to do29? Meinem ärgsten Feinde wünschte ich nicht, durch den quagmire30 zu waten, in dem ich seit 8 Wochen sitze, mit der größten Wut dabei, daß mein Intellekt durch die größten Lausereien kaputt gemacht und meine Arbeitsfähigkeit gebrochen wird.
Salut.
Dein
K.M.
Die verlangten Sachen werde ich Dir schicken.31