London, 19. April 1870
Ich werde Sie nächsten Dienstag von Dupont vorschlagen lassen.
Inzwischen mache ich Euch darauf aufmerksam, daß in Eurem Komitee Robin, ein Agent Bakunins sitzt, der in Genf alles in seiner Macht stehende getan hat, um den Generalrat zu diskreditieren (er griff ihn in der „Égalité“ öffentlich an) und la dictature de Bakounine sur l'Association Internationale1 vorzubereiten. Er wurde speziell nach Paris geschickt, um sich dort im gleichen Sinne zu betätigen. Daher muß man diesen Kerl genau beobachten, ohne daß er eine Überwachung argwöhnt.
Um vous mettre au courant2, muß ich Euch einen knappen Überblick über Bakunins Intrigen geben.
Bakunin gehört der Internationale erst seit ungefähr 11/2 Jahren an. C'est un nouveau venu.3 Auf dem Berner4 Kongreß (September 1868) der Ligue de la Paix et de la Liberté (er war Mitglied des Exekutivkomitees dieser internationalen bürgerlichen Assoziation, die als Gegengewicht zur proletarischen Internationale gegründet wurde) spielte er eine seiner Marktschreierrollen, in denen er sich wohl fühlt. Er schlug eine Reihe von Beschlüssen vor, die an sich abgeschmackt, aber darauf berechnet sind, durch den Ton eines großsprecherischen Radikalismus les crétins bourgeois5 Schrecken einzujagen. Auf diese Weise vollzog er, von der Mehrheit überstimmt, mit Eklat seinen Austritt aus der Liga und ließ dieses große Ereignis triumphierend in der europäischen Presse verkünden. Er versteht la réclame beinahe so gut wie Victor Hugo, qui – comme Heine dit – n'est pas simplement égoiste, mais Hugoiste6.
Dann trat er in unsere Assoziation ein – in ihre Genfer branche Romande. Sein erster Schritt war eine Verschwörung. Er bildete „l'Alliance de la Démocratie Socialiste“. Das Programm dieser Gesellschaft war nichts anderes als die Reihe von Beschlüssen, die Bakunin auf dem Berner7 Kongreß der Friedensliga vorgelegt hatte. Die Organisation trug den Charakter einer Sekte mit ihrem Hauptzentrum in Genf und konstituierte sich als eine Internationale Assoziation, die eigene allgemeine Kongresse abhalten, eine unabhängige internationale Körperschaft und gleichzeitig ein integraler Bestandteil unserer Internationale sein sollte. Mit einem Wort, unsere Assoziation sollte durch diese sich eindringende geheime Gesellschaft nach und nach in ein Instrument du Russe Bakounine verwandelt werden. Als Vorwand diente, daß diese neue Gesellschaft speziell zu dem Zweck gegründet worden sei, um „à faire la propagande théorique“8. In der Tat sehr lustig, wenn man bedenkt, daß Bakunin und seine Apostel von der Theorie keine Ahnung haben. Aber Bakunins Programm war „die Theorie“. Es bestand faktisch aus 3 Punkten.
1. Das erste Erfordernis der sozialen Revolution sei – die Abschaffung des Erbrechts, viillerie St.-Simoniste, dont le charlatan et l’ignoramus Bakounine se faisait l’éditeur responsable9. Es liegt auf der Hand: wenn man die Macht besäße, die soziale Revolution an einem Tage par décret plébiscitaire10 durchzuführen, so würde man das Eigentum an Grund und Boden und das Kapital sofort abschaffen und daher gar keinen Anlaß haben, sich mit le droit d’héritage11 zu befassen. Andererseits wäre – wenn man die Macht nicht besitzt (und es ist selbstverständlich töricht, eine solche Macht zu unterstellen) – die Proklamierung der Abschaffung des Erbrechts keine ernstzunehmende Tat, sondern eine törichte Drohung, die die ganze Bauernschaft und das ganze Kleinbürgertum um die Reaktion scharen würde. Nehmt z.B. an, die Yankees hätten nicht die Macht gehabt, die Sklaverei mit Gewalt abzuschaffen. Welche Dummheit wäre es gewesen, die Abschaffung des Erbrechts auf Sklaven zu proklamieren! Die ganze Sache resultiert aus einem antiquierten Idealismus, der die gegenwärtige Jurisprudenz für die Basis unserer ökonomischen Lage hält, statt zu erkennen, daß unsere ökonomische Lage die Basis und Quelle unserer Jurisprudenz ist! Was Bakunin angeht, so war er nur darauf aus, sein eigenes Programm zu improvisieren. Voilà tout. C’était un programme d’occasion.12
2. „L’égalité des différentes classes.“13 Auf der einen Seite das Weiterbestehen von classes und auf der anderen Seite die égalité der zu ihnen gehörenden Glieder zu unterstellen – dieser Widersinn beweist Euch sogleich die schamlose Ignoranz und Oberflächlichkeit dieses Kerls, der es als seine „besondere Mission“ betrachtete, uns über „Theorie“ aufzuklären.
3. Die Arbeiterklasse darf sich nicht mit Politik beschäftigen. Sie darf sich nur in Trade-Unions organisieren. Eines schönen Tages werden sie sich mittels der Internationale an die Stelle aller bestehenden Staaten drängen. Ihr seht, was für eine Karikatur er aus meinen Lehren gemacht hat! Da die Umwandlung der bestehenden Staaten in Assoziationen unser Endziel ist, müssen wir den Regierungen, diesen großen Trade-Unions der herrschenden Klassen, gestatten zu tun, was ihnen beliebt; denn sich mit ihnen befassen, hieße sie anerkennen. Wahrhaftig! Genauso sprachen die alten Sozialisten: Ihr dürft euch nicht mit der Lohnfrage befassen, denn ihr wollt die Lohnarbeit abschaffen. Mit dem Kapitalisten um die Höhe des Lohnes kämpfen, hieße das Lohnsystem anerkennen! Der Esel hat nicht einmal begriffen, daß jede Klassenbewegung als Klassenbewegung notwendigerweise immer eine politische Bewegung ist und war.
Das also ist das ganze theoretische Gepäck von Mohammed-Bakunin – eines Mohammeds ohne Koran.
Seine Verschwörung trieb er insgeheim voran. Er hatte einige Mitläufer in Spanien und Italien, ein paar Gimpel in Paris und Genf. Der gute alte Becker14 war dumm genug, sich von Bakunin als eine Art Hauptakteur vorschieben zu lassen. Er bereut jetzt seinen Fehler.
Der Generalrat wurde erst unterrichtet und ersucht, die Statuten der „Alliance“ zu genehmigen, nachdem Bakunin seine Pläne als fait accompli betrachtete. Er irrte sich jedoch. Der Generalrat erklärte in einem sorgfältig ausgearbeiteten Dokument15, daß die „Alliance“ ein Werkzeug der Desorganisation sei, und lehnte jede Verbindung mit ihr ab. (Ich werde Euch das Dokument schicken.)
Ein paar Monate später richtete das Comité Directeur16 der „Alliance“ an den Generalrat einen Brief folgenden Inhalts: Die großen Männer wären bereit, ihre Organisation aufzulösen und mit der Internationale zu verschmelzen; aber auf der anderen Seite sollten wir kategorisch mit Oui ou Non!17 antworten, ob wir ihre Grundsätze billigen! Anderenfalls würde es ihrerseits zur offenen Abspaltung kommen, und wir würden für ein solches Mißgeschick verantwortlich sein!18
Wir antworteten, daß der Generalrat nicht der Papst sei, daß wir es jeder Sektion überlassen, ihre eigenen theoretischen Ansichten von der Bewegung zu haben, vorausgesetzt, daß nichts direkt unseren Statuten Widersprechendes enthalten sei. Wir ließen vorsichtig durchblicken, daß wir ihre „Theorie“ für einen Schwindel halten. Wir bestanden darauf, daß „l'égalité des classes“ in „l'abolition des classes“19 verändert wird, was geschah. Wir ersuchten sie, uns eine dénombrement20 ihrer Mitglieder zu geben, was sie nie taten. (Auch dieses zweite Dokument21 werdet Ihr erhalten.)
So wurde die Allianz nominell aufgelöst. Faktisch bestand sie weiterhin als imperium in imperio. Ihre Zweige hatten keinerlei Verbindung mit dem Generalrat, die einzige bestand darin, daß sie gegen ihn konspirierten. Sie agierte unter Bakunins Diktatur. Er bereitete alles vor, um frapper son grand coup au Congrès de Bâle22. Einerseits veranlaßte er das Genfer Komitee, la question d'héritage23 vorzubringen. Wir nahmen die Herausforderung an. Andererseits konspirierte er überall, um uns zu diskreditieren, damit der Sitz des Generalrats von London nach Genf verlegt werde. Auf dem Kongreß ce saltimbanque figurait comme „délégué de Naples et de Lyon“24 (an letzterem Ort ist Albert Richard, sonst ein sehr aktiver und gutmütiger junger Mann, sein Apostel). Woher der Kerl das Geld für alle seine geheimen Machenschaften, Reisen, Entsendung von Agenten usw. hatte, ist vorläufig noch ein Geheimnis. Arm wie eine Kirchenmaus hat er nie im Leben einen Heller durch eigene Arbeit verdient.
Auf dem Kongreß erhielt er eine Abfuhr. Nach dem Kongreß begann er, uns in seinem Privatmoniteur „Le Progrès“ (de Locle), den sein Lakai James Guillaume, ein Schweizer Schulmeister, herausgibt, und in der „Égalité“ (de Genève) öffentlich anzugreifen. Das sahen wir uns eine Weile mit an und schickten dann ein Sendschreiben an den Genfer Föderalrat25. (Eine Kopie dieses Dokuments hat Varlin.) Aber ehe unser Zirkular ankam, hatte der Genfer Föderalrat, der Bakunin und der Alliance niemals gut gesonnen war, mit ihm gebrochen. Robin et Co. wurden aus der Redaktion der „Égalité“ ausgeschlossen. Der Föderalrat der Sektion der romanischen Schweiz verkündete sein Pronunciamento der Intrigen der Allianz und ihres moskowitischen Diktators.
Mittlerweile hatte sich Bakunin von Genf nach Tessin zurückgezogen. Seine Verhältnisse änderten sich. Herzen starb plötzlich. Bakunin, der ihn in der letzten Zeit heftig attackiert hatte (wahrscheinlich, weil ihm Herzens Geldbeutel verschlossen war), wurde auf einmal zum glühenden Apologen Herzens in der französischen usw. Presse. Warum? Weil Herzen (obwohl er Millionär war) sich jährlich von den „Panslavistes démocrates“ in Rußland eine ziemlich große Summe für seine „Cloche“ und für „propagande russe“ zahlen ließ. Obwohl ein wütender Feind de „l'héritage“26, wollte Bakunin doch Herzens Position und Gelder erben. Durch seine Lobeshymnen auf den Toten bekam er die „Cloche“, die Gelder usw. übertragen.
Gleichzeitig hat sich in Genf eine Kolonie russischer Emigrés angesiedelt, Gegner Bakunins, weil sie den bloßen persönlichen Ehrgeiz dieses (trotz seiner Vollkommenheit als Intrigant) sehr mittelmäßigen Menschen kannten und weil sie wußten, daß er in seinen „russischen“ Schriften Lehren propagiert, die den Grundsätzen der Internationale gänzlich widersprechen.
Der jüngste Kongreß der romanischen Schweiz in La Chaux-de-Fonds (5. April dieses Jahres) wurde von Bakunin und seinen Kumpanen ausgenutzt, um eine offene Spaltung herbeizuführen. Der Kongreß wurde in zwei Kongresse gespalten – auf der einen Seite der Kongreß der Bakunisten, der die Enthaltung von jeglicher Politik verkündete und etwa 600 Personen vertrat; auf der anderen Seite der Kongreß des Genfer Föderalkomitees, der 2000 Personen vertrat. Outine (c'est un des jeunes Russes) dénonça publiquement les intrigues de Bakounine.27 Seine (Bakunins) Leute haben sich als „Föderalzentalkomitee“ pour la Suisse Romande28 konstituiert und ihr eigenes Organ „La Solidarité“ gegründet, das von Bakunins valet de chambre29 James Guillaume herausgegeben wird. Das „Prinzip“ dieses Blattes ist „Bakunin“. Beide Parteien haben an den Generalrat appelliert.30
So ist es diesem verdammten Moskowiter gelungen, einen großen öffentlichen Skandal in unseren Reihen hervorzurufen, seine Person zur Losung zu machen, unsere Arbeiterassoziation mit dem Gift des Sektierertums zu infizieren und unsere Aktionsfähigkeit durch geheime Intrigen zu lähmen.
Er hofft, auf unserem nächsten Kongreß stark vertreten zu sein. Um die Aufmerksamkeit von Paris auf sich zu lenken, korrespondiert er mit der „Marseillaise“. Wir haben aber mit Flourens gesprochen, der dem [ein] Ende machen wird.31
Ihr seid jetzt hinreichend informiert, um Bakunins Intrigen in unseren Pariser Sektionen entgegenwirken zu können.
Laurent danke ich für ihren Brief. Das nächste Mal versucht für Eure Briefe einen Umschlag aufzutreiben, der sich nicht so leicht öffnen läßt. Apropos. Seht nach, ob Ihr noch den Artikel des „Queen’s Messenger“ über Lord Clanricarde habt. Wir brauchen ihn hier und können ihn nirgends bekommen.
Euer
Old Nick