Friedrich Engels
[Bedingungen und Aussichten
eines Krieges der Heiligen Allianz
gegen ein revolutionäres Frankreich
im Jahre 1852]

Ich nehme als ausgemacht an, daß jede siegreiche Pariser Revolution im Jahre 1852 sofort einen Krieg der Heiligen Allianz gegen Frankreich zur Folge hat.

Dieser Krieg wird ein ganz anderer sein als der von 1792–94, und die damaligen Ereignisse können in keiner Weise zur Parallele dienen.

I

Die Wunder des Konvents, in der militärischen Besiegung der Koalition, reduzieren sich bei näherer Betrachtung bedeutend, und man begreift und findet sogar in vielen Punkten gerechtfertigt die Verachtung Napoleons gegen die 14 Armeen des Konvents; N[apoleon] pflegte zu sagen, daß die Böcke der Koalition das meiste getan hätten, was ganz richtig ist, und er hielt Carnot noch auf St. Helena für einen mittelmäßigen Kopf.

Im August 1792 fielen 90000 Preußen und Östreicher nach Frankreich ein. Der König von Preußen1 wollte direkt auf Paris marschieren, Braunschweig2 und die österreichischen Generale3 wollten nicht. Keine Einheit im Kommando; bald Zaudern, bald rasches Vorgehn, stets wechselnde Pläne. Nach der Passage der Argonnen-Defileen stellt Dumouriez sich ihnen bei Valmy und St. Menehould entgegen. Die Alliierten konnten ihn umgehn und ihn ruhig stehnlassen, er mußte ihnen auf Paris folgen und war, bei einigermaßen erträglichem Verfahren, ihnen nicht einmal im Rücken gefährlich. Sie konnten aber auch sicherer gehn und ihn schlagen, was leicht war, da sie mehr und bessere Truppen hatten, was die Franzosen selbst zugeben. Statt dessen liefern sie ihm die lächerliche Kanonade von Valmy, wo während der Schlacht, ja während der Kolonnenattacke selbst, von der verwegneren zur zaghafteren Meinung mehr als einmal von den Generalen umgesprungen wird. Die beiden Attacken selbst waren lausig an Masse, an Kraft, an spirit4, Schuld nicht der Soldaten, sondern der Schwankungen im Kommando; es waren kaum Attacken, höchstens Demonstrationen. Ein resolutes Vorgehn auf der ganzen Linie hätte die französischen Volontärs und demoralisierten Regimenter sicher geworfen. Nach der Schlacht blieben die Alliierten wieder ratlos stehn, bis die Soldaten krank wurden.

In der Kampagne von Jemappes siegte Dumouriez dadurch, daß er zuerst halb instinktiv dem östreichischen System der Kordons und unendlich langen Fronten (von Ostende bis an die Maas) die Massenkoncentration entgegensetzte. Aber im nächsten Frühjahr verfiel er – infolge seiner Marotte, Holland erobern zu wollen – in denselben Fehler, die Östreicher dagegen rückten konzentriert vor; Resultat, die Schlacht von Neerwinden und der Verlust Belgiens. Bei Neerwinden sowohl wie speziell in den kleineren Engagements dieser Kampagne zeigte sich, daß die französischen Volontärs, die vielgepriesenen Helden, wenn sie nicht fortwährend unter den Augen Dumouriez's waren, sich nicht besser schlugen als die 1849er süddeutsche „Volkswehr“. – Nun ging noch Dumouriez über, die Vendée stand auf, die Armee war zersplittert und decouragiert, und wenn die 130000 Östreicher und Engländer resolut auf Paris marschierten, so war die Revolution bankrott, und Paris war erobert – geradeso wie im vorigen Jahr, wenn nicht solche Dummheiten passierten. Statt dessen legten sich die Herren vor die Festungen, warfen sich darauf, en détail die kleinsten Vorteile mit dem größten Aufwand strategischer Pedanterie einen nach dem andern zu erobern, und vertrödelten volle 6 Monate.

Die französische Armee, die nach Lafayettes Abfall noch zusammenhielt, kann auf 120000 Mann angeschlagen werden. Die Volontärs von 1792 auf 60000. Im März 1793 wurden 300000 Mann ausgehoben. Im August, wo die levée en masse dekretiert, muß also die französische Armee mindestens 300000–350000 Mann stark gewesen sein. Die levée en masse führte ihr ca. 700000 zu. Alle Abzüge gerechnet, führten die Franzosen Anfang 1794 ca. 750000 Mann ins Feld gegen die Koalition, bedeutend mehr als die Koalition gegen Frankreich.

Vom April 1793 bis Okt. wurden die Franzosen überall geklopft, nur daß die Schläge kein entscheidendes Resultat hatten – dank dem Trödelsystem der Koalition. Von Oktober an wechselten die Erfolge – im Winter wurde die Kampagne suspendiert, im Frühjahr 1794 traten les levées en masse mit voller Wirkung in die Schlachtlinie ein; Resultat, Siege auf allen Seiten im Mai, bis endlich im Juni der von Fleurus das Schicksal der Revolution entscheidet.

Der Konvent, und das Ministerium des 10. August vor ihm, hatte also Zeit genug zum Rüsten. Vom 10. Aug. [1792] – März 1793 geschah nichts – die Volontärs zählen kaum. Im März 1793 die 300000 Mann ausgeboben – von März bis zum nächsten März hatte der Konvent volle Zeit und Freiheit zum Rüsten, ein volles Jahr, davon zehn Monate, wo die revolutionäre Partei durch den Sturz der Girondins von allen Hindernissen befreit war. Und in einem Lande von 25 Millionen, das sein Normalkontingent waffenfähiger Bevölkerung besaß, eine Million Soldaten, 750000 aktive Kombattanten gegen einen auswärtigen Feind zusammenzubringen (3% der Bevölkerung) ist, so neu es damals war, keine Hexerei, wenn man ein Jahr Zeit hat.

Mit Ausnahme der Vendée rechne ich die inneren Aufstände, militärisch gesprochen, für Null. Bis auf Lyon und Toulon waren sie in 6 Wochen ohne Schwertstreich beruhigt; Lyon wurde durch levées en masse, Toulon durch einen schlagenden Einfall Napoleons, durch einen resoluten Sturm und durch Fehler der Verteidiger genommen.

Die 750000 Mann, die 1794 gegen die Koalition geführt wurden, hatten mindestens 100000 alte Soldaten aus der Monarchie und 150000 andre, teils aus den Volontärs, teils aus der levée der 300000 herstammende, unter fortwährenden Gefechten seit 18 resp. 12 Monaten an den Krieg gewöhnte Soldaten; dazu war von den 500000 Neuen wenigstens die Hälfte schon in den Gefechten vom Sept., Okt. und Nov. 1793 beteiligt gewesen, und die Jüngsten mußten wenigstens 3 Monate im Bataillon sein, als sie vor den Feind geführt wurden. Napoleon, im spanischen Feldzug, rechnet 3 bis 4 Wochen für die Zeit der Einübung, der école de bataillon5. Abgerechnet die Subalternen und Stabsoffiziere, die bei den Koalierten damals im Durchschnitt gewiß besser waren, war die französische Armee von 1794, dank der ihr zur Organisation gelassenen Zeit, dank dem ewig resultatlos fechtenden System der Alliierten – ein System, das eine erprobte, besonders aggressive Armee demoralisiert und die des Feindes, wenn sie jung ist und die Defensive hält, diszipliniert und an den Krieg gewöhnt –, war also die französische Armee 1794 keine rohe, brüllende, begeisterte Freischar „für Republik zu sterben“, sondern a very fair army6, den Feinden gewiß gleich. Die Generäle der Franzosen waren 1794 jedenfalls viel besser, obwohl sie Schnitzer genug machten; aber die Guillotine sicherte die Einheit des Kommandos und die Harmonie der Operationen da, wo nicht, was bloß ausnahmsweise geschah, die Repräsentanten auf eigne Faust Dummheiten machten. Le noble Saint-Just en fit plusieurs.7

Randglosse über die Massentaktik: 1. Die erste rohe Idee davon entstand aus dem glücklichen Manöver von Jemappes, das mehr instinktiv war als militärisch kalkuliert. Sie entstand aus dem wüsten Zustand der französischen Armee, die der Überzahl bedurfte, um nur einiges militärisches Selbstvertrauen zu haben; die Masse mußte die Disziplin ersetzen. Carnots Anteil an dieser Erfindung ist gar nicht klar. 2. Diese Massentaktik blieb im rohesten Zustand und wurde z. B. 1794 bei Tourcoing und Fleurus gar nicht angewandt (die Franzosen und Carnot selbst machten die gröbsten Schnitzer), bis endlich Napoleon 1796 durch den sechstägigen piemontesischen Feldzug und die wirkliche Vernichtung einer überlegnen Macht en détail den Leuten zeigte, worauf sie hinaussteuerten, ohne sich bisher darüber klargeworden zu sein. 3. Was Carnot selbst angeht, wird mir der Kerl immer verdächtiger. Ich kann natürlich nicht definitiv urteilen, ich habe seine Depeschen an die Generale nicht. Aber nach dem, was vorliegt, scheint sein Hauptverdienst in der grenzenlosen Ignoranz und Unfähigkeit seiner Vorgänger Pache und Bouchotte bestanden zu haben und in der totalen Unbekanntschaft des ganzen übrigen comité de salut public mit militärischen Sachen. Dans le royaume des aveugles le borgne est roi.8 Carnot, alter Ingenieuroffizier, selbst als Repräsentant bei der Nordarmee gewesen, wußte, was eine Festung, eine Armee an Material pp. braucht, und speziell, was den Franzosen fehlte. Er hatte ebenfalls notwendigerweise eine gewisse Anschauung von der Manier, wie man die militärischen Ressourcen eines Landes wie Frankreich in Bewegung setzt, und da es bei einer revolutionären levée en masse, wobei ohnehin viel waste9 gemacht wird, auf etwas mehr oder weniger Verschwendung von Ressourcen nicht ankommt, sobald nur der Hauptzweck, schnelle Mobilisierung dieser Ressourcen, erreicht wird, so braucht man Carnot gerade kein großes Genie zuzuschreiben, um seine Resultate zu erklären. Was mich an der ihm zugeschriebenen Erfindung des Massenkriegs, pour sa part10, zweifeln macht, ist besonders, daß seine weitaus sehendsten Pläne von 1793/94 gerade auf der entgegengesetzten Kriegsmanier beruhten; er teile die französischen Armeen, statt sie zu konzentrieren, und operierte gegen die Flügel des Feindes so, daß dieser dadurch selbst konzentriert wurde. Dann seine spätere Karriere, die Tugendritterei unter dem Konsulat etc., seine brave Verteidigung Antwerpens – die Verteidigung einer Festung ist im Durchschnitt der beste Posten für einen mittelmäßigen, methodischen, aber mit einer Zähigkeit behafteten Offizier, um sich auszuzeichnen, und dann dauerte die Belagerung von Antwerpen 1814 keine 3 Monate, endlich sein Versuch, dem Napoleon 1815, gegenüber den zentralisierten 1200000 Soldaten der Koalition und bei gänzlich verändertem Kriegssystem, die Mittel von 1793 aufzudrängen, und seine Philisterei überhaupt, alles das spricht nicht sehr für Carnots Genie. Und dann, wo ist es vorgekommen, daß ein ordentlicher Kerl sich, wie er getan, durch Thermidor, Fruktidor, Brumaire usw. durchgepißt hätte.

Summa summarum. Der Konvent wurde gerettet einzig und allein, weil die Koalition nicht zentralisiert war und er dadurch ein volles Jahr Zeit zum Rüsten bekam. Er wurde gerettet, wie der alte Fritz im Siebenjährigen Krieg gerettet wurde, wie Wellington 1809 in Spanien gerettet wurde, obwohl die Franzosen quantitativ und qualitativ mindestens dreimal stärker waren als ihre sämtlichen Gegner und nur dadurch ihre kolossale Macht paralysierten, daß die Marschälle, als Napoleon fort war, einander allen möglichen Schabernack antaten.

II

Die Koalition ist heutzutage über die Dummheiten von 1793 längst hinweg. Sie ist famos zentralisiert. Sie war es schon 1813. Die russische Kampagne von 1812 machte Rußland zum Schwerpunkt der ganzen Heiligen Allianz für den Kontinentalkrieg. Seine Truppen bildeten die Hauptmasse, um die sich erst später Preußen, Österreich pp. gruppierten, und sie blieben die Hauptmasse bis nach Paris hinein. Alexander war faktisch Commandeuren chef aller Armeen (d. h. der russische Generalstab hinter Alex[ander]). Seit 1848 aber ist die Heilige Allianz noch auf einer viel solideren Basis konstruiert. Die Entwicklung der Konterrevolution 1849–51 hat den Kontinent, mit Ausnahme von Frankreich, gegenüber Rußland in die Lage gebracht, in der sich der Rheinbund und Italien gegen Napoleon befanden, reines Vasallentum. Nicolas11, id est Paskewitsch, ist der unvermeidliche Diktator der Heiligen Allianz en cas de guerre12, wie Nesselrode es schon en temps de paix13 ist.

Was ferner die moderne Kriegskunst betrifft, so ist sie von Napoleon vollständig ausgebildet worden. Bis zum Eintritt gewisser Verhältnisse, wovon weiter unten, bleibt nichts übrig, als Napoleon nachzuahmen, soweit die Verhältnisse es erlauben. Diese moderne Kriegskunst ist aber weltbekannt. In Preußen ist sie jedem Secondeleutnant schon vor dem Portepeefähndrichsexamen eingepaukt, soweit sie sich einpauken läßt. Was die Östreicher angeht, so haben sie in der ungarischen Kampagne ihre schlechten, spezifisch österreichischen Generale kennengelernt und beseitigt – die Windischgrätze, Welden, Götz u. a. alte Weiber. Dagegen – da wir keine „N[eue] Rh[einische] Z[eitung]“ mehr schreiben, brauchen wir uns keine Illusionen mehr zu machen – sind die beiden Kampagnen Radetzkys in Italien, die erste vortrefflich, die zweite meisterhaft. Wer ihm dabei geholfen, ist einerlei, jedenfalls hat der alte Kerl bon sens14 genug, geniale Gedanken anderer zu erfassen. Die Defensivstellung 1848 zwischen den 4 Festungen Peschiera, Mantua, Legnago, Verona, alle 4 Seiten des Vierecks gut gedeckt, und seine Verteidigung dieser Stellung, bis er Hülfe bekam, mitten in einem insurgierten Lande, würde ein Meisterstück sein, wäre ihm nicht das Aushalten durch die miserable Führung, die Uneinigkeit und das ewige Schwanken der italienischen Generale und die Intrigen Karl Alberts und die Unterstützung der reaktionären Aristokraten und Pfaffen im feindlichen Lager enorm erleichtert worden. Auch ist nicht zu vergessen, daß er im fruchtbarsten Land der Welt saß und für den Unterhalt seiner Armee unbesorgt war. – Die Kampagne von 1849 aber ist für Östreicher unerhört. Die Piemontesen, statt mit konzentrierter Masse die Straße nach Turin bei Novara und Mortara (Linie 3 Meilen lang) zu versperren, was am besten war, oder von dort aus in 2–3 Kolonnen auf Mailand vorzurücken, stellen sich von Sesto bis Piacenza auf – Linie von 20 Meilen, à 70000 Mann, nur 3500 Mann per deutsche Meile und 3–4 starke Tagmärsche von einem Flügel zum andern. Elende konzentrische Operation gegen Mailand, wobei sie überall zu schwach waren. Radetzky, sehend, daß die Italiener das alte östreichische System von 1792 anwenden, operiert gegen sie, genau wie Napoleon getan hätte. Die piemontesische Linie war vom Po in 2 Stücke geschnitten, ein sackgrober Fehler. Er durchbricht die Linie dicht am Po, trennt die 2 südlichen von den 3 nördlichen Divisionen, indem er einen Klumpen von 60000 Mann dazwischenschiebt, greift die 3 nördlichen Divisionen (kaum 35000 Mann konzentriert) rasch mit seiner ganzen Macht an, wirft sie in die Alpen und trennt beide Korps der piemontesischen Armee voneinander und von Turin. Dies Manöver, das die Kampagne in 3 Tagen beendete und das fast buchstäblich dem von Napoleon 1809 bei Abensberg und Eggmühl gemachten, dem genialsten aller napoleonischen Manöver, nachkopiert ist, beweist jedenfalls, daß die Östreicher weit entfernt davon sind, noch als die alten „immer langsam voran“ zu paradieren; es war grade die Rapidität hier, die alles entschied. Die Verrätereien der Aristokraten und Ramorinos haben die Sache erleichtert, besonders durch genaue Nachrichten über Stellung und Pläne der Italiener. Auch die Gemeinheit der savoyischen Brigade bei Novara, die nicht focht, sondern plünderte. Aber militärisch gesprochen ist die elende Aufstellung der Piemontesen und das Manöver Radetzkys vollständig hinreichend, den Erfolg zu erklären. Diese beiden Tatsachen mußten unter allen Umständen dies Resultat haben. – Die Russen endlich sind durch die Natur ihrer Armee selbst auf ein Kriegssystem angewiesen, das dem modernen sehr nachkommt. Ihre Armee besteht der Hauptstärke nach aus massenhafter, halbbarbarischer, also schwerfälliger Infanterie und zahlreicher halbbarbarischer, leichter, unregelmäßiger Kavallerie (Kosaken). Die Russen haben in entscheidenden Gefechten, in großen Schlachten, nie anders als mit Massen gewirkt; Suworow verstand das schon beim Sturm von Ismail und von Otschakow. Die Beweglichkeit, die ihnen fehlt, wird durch die unregelmäßige Kavallerie, die nach allen Seiten hin sie umschwörmt und jede Bewegung der Armee maskiert, teilweise ersetzt. Gerade diese schwere Massenhaftigkeit der russischen Armee macht sie aber vortrefflich geeignet, den Kern und Rückhalt, das Pivot, einer Koalitionsarmee zu bilden, deren Operationen immer etwas langsamer sein müssen als die einer nationalen Armee. Diese Rolle haben die Russen 1813 und 1814 mit Auszeichnung gespielt, und es kommt in diesen Jahren kaum ein Schlachtplan vor, wo nicht die massenhaften russischen Kolonnen von allen andern durch ihre Tiefe und Dichtigkeit sogleich auffallen.

Die Franzosen sind seit 1812 kaum noch als die vorzugsweisen Träger der napoleonischen Tradition anzusehn. Diese Tradition ist mehr oder weniger auf sämtliche europäische große Armeen übergegangen; in jeder hat sie, meist schon in den letzten Jahren des Empire, eine Revolution hervorgerufen; von jeder ist das napoleonische System, soweit dies mit dem Charakter der Armee harmoniert, in Strategik und Taktik adoptiert. Der nivellierende Einfluß der Bourgeoisepoche ist hier auch fühlbar; die alten nationalen Besonderheiten sind auch in den Armeen am Verschwinden, und die französische, österreichische und preußische Armee, großenteils sogar die englische, sind für napoleonische Manöver so ziemlich gleich gut organisierte Maschinen. Das hindert nicht, daß sie sonst, im Gefecht pp., sehr verschiedne Qualitäten haben. Aber von allen europäischen Armeen (großen) ist nur die russische, halbbarbarische, einer eignen Taktik und Strategik fähig, weil sie allein für das vollständig entwickelte moderne Kriegssystem noch nicht reif ist.

Was die Franzosen angeht, so haben sie durch den algerischen kleinen Krieg sogar den Faden der napoleonischen Tradition des großen Kriegs unterbrochen. Es muß sich zeigen, ob dieser Räuberkrieg seine nachteiligen Folgen für die Disziplin durch die Vorteile der Kriegsgewöhnung aufwiegt; ob er die Leute an Strapazen gewöhnt oder sie durch Überanstrengung knickt; endlich, ob er nicht auch den Generalen den coup d'œil15 für den großen Krieg verdirbt. Jedenfalls wird die französische Kavallerie in Algier mehr oder weniger verdorben; sie verlernt ihre force16, den geschlossenen choc17, und gewöhnt sich an ein Schwärmsystem, in dem ihr die Kosaken, Ungarn und Polen immer überlegen bleiben werden. Von den Generalen hat Oudinot sich vor Rom blamiert und nur Cavaignac sich im Juni ausgezeichnet – alles das sind aber noch keine grandes épreuves18.

Die Chancen der überlegnen Strategie und Taktik sind demnach im ganzen wenigstens ebensosehr auf seiten der Koalition wie auf der der Revolution.

III

Aber wird nicht eine neue Revolution, die eine ganz neue Klasse zur Herrschaft bringt, auch, wie die erste, neue Kriegsmittel und eine neue Kriegsführung hervorrufen, vor der die jetzige, napoleonische, ebenso veraltet und ohnmächtig erscheint wie die des 7jährigen Kriegs vor der der ersten Revolution?

Die moderne Kriegsführung ist das notwendige Produkt der Französischen Revolution. Ihre Voraussetzung ist die soziale und politische Emanzipation der Bourgeoisie und der Parzellenbauern. Die Bourgeoisie schafft das Geld, die Parzellenbauern stellen die Soldaten. Die Emanzipation beider Klassen von feudalen und Zunftfesseln ist nötig, um die jetzigen kolossalen Armeen stellen zu können; und der mit dieser gesellschaftlichen Entwicklungsstufe verknüpfte Grad von Reichtum und Bildung ist ebenfalls nötig, um das für moderne Armeen nötige Material an Waffen, Munition, Lebensmitteln pp. zu schaffen, um die nötige Anzahl gebildeter Offiziere zu stellen und dem Soldaten selbst die nötige Intelligenz zu geben.

Ich nehme das moderne Kriegssystem, wie Napoleon es vollständig ausbildete. Seine zwei Pivots sind: Massenhaftigkeit der Angriffsmittel an Menschen, Pferden und Geschützen und Beweglichkeit dieser Angriffsmittel. Die Beweglichkeit ist die notwendige Folge der Massenhaftigkeit. Die momodernen Armeen können nicht, wie die kleinen Heere des 7jährigen Kriegs, monatelang auf einem Gebiet von 20 Meilen hin und her marschieren. Sie können nicht ihren sämtlichen Bedarf an Lebensmitteln in Magazinen nachführen. Sie müssen einen Bezirk wie ein Heuschreckenschwarm überfallen, im Bereich ihrer Kavallerie rechts und links ausfouragieren und müssen fort, wenn alles verzehrt ist. Die Magazine sind hinreichend, wenn sie nur für unvorhergesehene Zufälle ausreichen; sie werden jeden Augenblick geleert und neu gefüllt; sie müssen dem schnellen Marsch der Armee folgen und können daher selten dahin kommen, den Bedarf der Armee nur auf einen Monat zu decken. Das moderne Kriegssystem ist daher in einem armen, halbbarbarischen, dünnbevölkerten Land auf die Dauer unmöglich. Die Franzosen gingen an dieser Unmöglichkeit in Spanien langsam, in Rußland rasch zugrunde. Dafür aber gingen die Spanier auch an den Franzosen zugrunde, ihr Land wurde enorm ausgesogen, und die Russen können ihr eignes, schwerfälliges Massenkriegssystem selbst in Polen nicht auf die Dauer, im eigentlichen Rußland, solange sie keine Eisenbahnen haben, aber gar nicht anwenden. Die Defensive am Dnepr und an der Dwina würde Rußland ruinieren.

Zu dieser Beweglichkeit gehört aber auch ein gewisser Bildungsgrad des Soldaten, der sich in manchen Fällen selbst zu helfen wissen muß. Die bedeutende Ausdehnung des Patrouillierens und Fouragierens, des Vorpostendienstes pp., die größere Aktivität, die von jedem Soldaten gefordert wird, die häufigere Wiederholung von Fällen, in denen der Soldat einzeln agiert und auf seine eignen intellektuellen Ressourcen angewiesen ist, endlich die große Bedeutung des Tirailleurgefechts, dessen Erfolg von der Intelligenz, dem coup d'œil und der Energie jedes einzelnen Soldaten abhängt, setzen alle einen größeren Bildungsgrad beim Unteroffizier und Soldaten voraus, als dies beim alten Fritz der Fall war. Eine barbarische oder halbbarbarische Nation hat aber keinen solchen Bildungsgrad bei den Massen aufzuweisen, daß die ersten besten 500 000–600 000 Mann, die man aushebt, einerseits diszipliniert, maschinenmäßig eingeübt werden und zugleich diesen coup d'œil für den kleinen Krieg bekommen oder behalten könnten. Die Barbaren haben diesen coup d'œil des Räubers von Natur, z. B. die Kosaken; aber sie sind dafür zum regelmäßigen Kriegsdienst ebenso incapabel19 wie umgekehrt die leibeignen russischen Infanteristen zum richtigen Tirailleuren.

Dieser allgemeine Durchschnittsbildungsgrad, den das moderne Kriegssystem bei jedem Soldaten voraussetzt, findet sich nur in den entwickeltsten Ländern: in England, wo der Soldat, so roher Bauer er war, die zivilisierende Schule der Städte durchmacht; in Frankreich, wo die emanzipierten Parzellenbauern und der geriebene Mob der Städte (Remplaçants) die Armee bilden; in Norddeutschland, wo der Feudalismus entweder ebenfalls vernichtet ist oder plus ou moins20 bürgerliche Formen angenommen hat und wo die Städte ein bedeutendes Kontingent zur Armee stellen; endlich scheint er, nach den letzten Kriegen, wenigstens in einem Teil der österreichischen Armee, die aus den am wenigsten feudalen Gegenden rekrutiert ist, auch zu existieren. Abgesehn von England, bildet die Parzellenkultur überall die Basis der Armee, und die Armee ist für das moderne Kriegssystem um so geeigneter, je mehr die Stellung des Parzellenbauern sich der des freien Eigentümers nähert.

Aber nicht nur die Beweglichkeit des einzelnen Soldaten, auch die der Massen selbst setzt den Zivilisationsgrad der Bourgeoiseperioche voraus. Die Schläfrigkeit der vorrevolutionären Armeen hängt genau mit dem Feudalismus zusammen. Die Masse der Offiziersequipagen allein verhinderte jede Bewegung. Die Armeen krochen ebenso langsam wie die ganze Bewegung. Die aufkommende Bürokratie der absoluten Monarchien brachte etwas mehr Ordnung in die Verwaltung des Materials, aber ihre Allianz mit der haute finance21 organisierte gleichzeitig den Unterschleif en gros, und wo die Bürokratie den Armeen irgend etwas nützte, schadete sie ihnen doppelt durch den Geist des Schematismus und der Pedanterie, den sie ihnen beibrachte. Witness22 der alte Fritz allerhöchst selbst. Rußland laboriert noch jetzt an diesen sämtlichen Übelständen; die russische Armee, überall geprellt und geschunden, ist ausgehungert, und auf dem Marsch fallen die Kerls wie die Fliegen. Erst der Bourgeoisstaat ernährt seine Truppen erträglich und kann daher auf die Beweglichkeit seiner Armee rechnen.

Was die Beweglichkeit angeht, so ist diese also in jeder Beziehung eine Eigenschaft der Bourgeoisarmeen. Die Beweglichkeit aber ist nicht nur die notwendige Ergänzung der Massenhaftigkeit, sie ersetzt sie oft auch (Napoleon in Piemont 1796).

Aber die Massenhaftigkeit ist ebensosehr Spezialeigenschaft der modernen zivilisierten Armeen wie die Beweglichkeit.

Wie verschieden die Methode der Aushebung sein mag – Konskription, preußische Landwehr, schweizerische Miliz, levée en masse –, die Erfahrung der letzten 60 Jahre beweist, daß unter dem Regime der Bourgeoisie und der freien Parzellenbauern in keinem Volkskrieg mehr als 7% der Bevölkerung unter die Waffen gerufen, also etwa 5% aktiv verwendet werden können. Frankreich 1793 im Herbst, à 25 Mill. angenommen, hätte hiernach 1 750 000 Soldaten und 1 250 000 wirkliche Kombattanten stellen können. Die 1 250 000 waren um diese Zeit an den Grenzen, vor Toulon, in der Vendée – beide Seiten hier gerechnet – so ziemlich vorhanden. In Preußen – jetzt 16 Mill. – würden 7 und 5% betragen 1 120 000 Mann und 800 000 Mann. Die ganze preußische Macht, Linie und Landwehr, beträgt aber kaum 600 000. Dies Beispiel zeigt, wieviel schon 5% für eine Nation sind.

Eh bien23 – wenn Frankreich und Preußen 5% ihrer Bevölkerung leicht und im Notfall selbst 7% unter die Waffen rufen können, so ruft Oestreich im äußersten Fall höchstens 5 und Rußland kaum 3% zusammen. 5% für Österreich wären 1 750 000 – zu 35 Mill. angenommen. 1849 hatte Oestreich alle seine Kräfte angestrengt. Es hatte ca. 550 000 Mann. Die Ungarn, deren Kräfte durch die Kossuthnoten verdoppelt waren, hatten vielleicht 350 000. Ich rechne noch 50 000 Lombarden, die sich der Konskription entzogen oder die im piemontesischen Heer dienten – Summa 950 000 Mann, also noch nicht 22/3% der Bevölkerung; wobei die kroatischen Grenzer, die in exzeptionellen Verhältnissen lebten, wenigstens 15% ihrer Bevölkerung stellten. – Rußland hat, gering gerechnet, 72 Mill. Einwohner; müßte also bei 5% 3 600 000 stellen können. Statt dessen hat es nie über 1 500 000, reguläre und irreguläre zusammen, stellen und davon in seinem eignen Land höchstens 1 000 000 gegen den Feind führen können, d.h., seine Gesamtmacht war nie über 21/12, seine aktive Macht nie über 17/18 oder 139/100%. Die dünne Bevölkerung auf enormem Raum, der Mangel an Kommunikationen und die geringe nationale Produktion erklären dies sehr einfach.

Wie die Beweglichkeit, ist die Masse der Angriffsmittel notwendiges Resultat der höheren Zivilisationsstufe, und speziell ist die moderne Proportion der bewaffneten Masse zur Gesamtbevölkerung unvereinbar mit jedem Gesellschaftszustande, der unter der emanzipierten Bourgeoisie steht.

Die moderne Kriegführung setzt also die Emanzipation der Bourgeois und Bauern voraus, sie ist der militärische Ausdruck dieser Emanzipation.

Die Emanzipation des Proletariats wird auch einen besondern militärischen Ausdruck haben, wird eine aparte, neue Kriegsmethode erzeugen. Cela est clair.24 Es läßt sich sogar schon bestimmen, welcher Art die materiellen Grundlagen dieser neuen Kriegführung sein werden.

Aber ebensoweit, wie die bloße Eroberung der politischen Herrschaft durch das jetzige konfuse, teilweise den Schwanz anderer Klassen bildende französische und deutsche Proletariat entfernt ist von der wirklichen Emanzipation des Proletariats, die in der Aufhebung aller Klassengegensätze besteht, ebensoweit entfernt ist die anfängliche Kriegführung der zu erwartenden Revolution von der Kriegführung des wirklich emanzipierten Proletariats.

Die wirkliche Emanzipation des Proletariats, die vollständige Beseitigung aller Klassenunterschiede und die vollständige Konzentrierung aller Produktionsmittel in Deutschland und Frankreich setzt voraus die Mitwirkung Englands und mindestens die Verdopplung der jetzt in Deutschland und Frankreich vorhandenen Produktionsmittel. Gerade das aber setzt eine neue Art der Kriegführung ebenfalls voraus.

Die großartigen Entdeckungen Napoleons in der Kriegwissenschaft können nicht durch ein Wunder beseitigt werden. Die neue Kriegswissenschaft muß ein ebenso notwendiges Produkt der neuen gesellschaftlichen Verhältnisse sein, wie die von der Revolution und Napoleon geschaffene das notwendige Resultat der durch die Revolution gegebenen neuen Verhältnisse war. Wie es sich aber in der proletarischen Revolution für die Industrie nicht darum handelt, die Dampfmaschinen abzuschaffen, sondern sie zu vermehren, so für die Kriegführung handelt es sich darum, die Massenhaftigkeit und Beweglichkeit nicht zu vermindern, sondern zu potenzieren.

Die Voraussetzung der napoleonischen Kriegführung waren vermehrte Produktivkräfte; die Voraussetzung jeder neuen Vervollkommnung in der Kriegführung müssen ebenfalls neue Produktivkräfte sein. Die Eisenbahnen und elektrischen Telegraphen werden schon jetzt bei europäischen Kriegen einem talentvollen General oder Kriegsminister zu ganz neuen Kombinationen Anlaß geben. Die allmähliche Steigerung der Produktivkräfte und damit der Bevölkerung hat ebenfalls Gelegenheit zu größeren Massenanhäufungen gegeben. In Frankreich statt 25, 36 Millionen, gibt für 5% nicht mehr 1 250000, sondern 1800000 Mann. In beiden Fällen hat die Macht der zivilisierten Länder gegen die der barbarischen sich verhältnismäßig vermehrt. Sie allein haben große Eisenbahnnetze, und ihre Bevölkerung ist doppelt so rasch gewachsen wie die von Rußland z. B. – Alle diese Berechnungen beweisen, nebenbei gesagt, wie rein unmöglich eine dauernde Unterjochung Westeuropas unter Rußland ist und wie unmöglicher sie mit jedem Tage wird.

Die Macht der neuen, durch die Abschaffung der Klassen zu erzeugenden Kriegführung kann aber nicht darin bestehen, daß die disponiblen 5% mit dem Wachstum der Bevölkerung immer bedeutendere Massen bilden. Sie muß darin bestehn, daß man instand gesetzt wird, nicht mehr 5, resp. 7%, sondern 12–16% der Bevölkerung, id est die Hälfte bis zwei Drittel der männlichen erwachsenen Bevölkerung – die gesunden Leute von 18–30 oder resp. 40 Jahren –, unter die Waffen zu rufen. Wie aber Rußland seine disponible Macht nicht von 2–3% auf 5% steigern kann, ohne eine vollständige Revolution seiner ganzen innern sozialen und politischen Organisation und seiner Produktion vor allen Dingen, so kann Deutschland und Frankreich nicht seine disponible Macht von 5 auf 12% bringen, ohne seine Produktion zu revolutionieren und mehr als zu verdoppeln. Erst wenn die Durchschnittsarbeit jedes einzelnen durch Maschinen pp. doppelt soviel wert ist wie jetzt, kann die doppelte Zahl von der Arbeit entbehrt werden – selbst nur für kurze Zeit, denn die 5% sind von keinem Land je lange auf den Beinen erhalten worden.

Sind die Bedingungen dazu erfüllt, ist die nationale Produktion hinreichend gesteigert und zentralisiert, sind die Klassen abgeschafft, was durchaus notwendig ist – der preußische 1jährige Freiwillige, solange er nicht Unteroffizier oder Landwehroffizier ist, wird wegen seiner gesellschaftlichen Aristokraten-Stellung nie ein brauchbarer Soldat neben den Bauern und Knoten –, so ist nur die Limite der waffenfähigen Bevölkerung die Schranke der wirklichen Aushebung, d.h., im äußersten Notfall können momentan 15–20% der Bevölkerung bewaffnet und 12–15% wirklich gegen den Feind geführt werden. Diese enormen Massen setzen aber eine ganz andre Beweglichkeit voraus als selbst die jetzigen Armeen. Ohne vollständiges Eisenbahnnetz können sie sich weder konzentrieren noch ernähren, noch mit Munition versehn halten, noch sich bewegen. Und ohne elektrische Telegraphen können sie gar nicht dirigiert werden; da es aber nicht möglich ist, daß bei solchen Massen der Stratege und der Taktiker (der auf dem Schlachtfeld kommandiert) einer und derselbe ist, so tritt hier die Teilung der Arbeit ein. Die strategischen Operationen, das Zusammenwirken der verschiedenen Korps müssen vom Zentralpunkt der telegraphischen Linien aus dirigiert werden; die taktischen von den einzelnen Generalen. Daß unter diesen Umständen Kriege in noch weit kürzerer Zeit entschieden werden können und müssen als selbst durch Napoleon, ist klar. Der Kostenpunkt macht es nötig, die notwendige entscheidende Wirkung jedes Schlags mit solchen Massen macht es unvermeidlich.

An Masse und strategischer Beweglichkeit müssen diese Armeen also schon ganz unerhört furchtbar sein. Die taktische Beweglichkeit (beim Patrouillieren, Tiraille-ren, auf dem Schlachtfeld) muß bei solchen Soldaten ebenfalls bedeutend größer sein; sie sind robuster, gelenkiger, intelligenter als alles, was die jetzige Gesellschaft leisten kann.

Leider aber kann das alles erst nach langen Jahren und zu einer Zeit durchgeführt werden, wo derartige Massenkriege aus Mangel an einem adäquaten Feind nicht mehr vorkommen können. In der ersten Zeit der proletarischen Revolutionen existieren zu alledem die ersten Bedingungen nicht, am allerwenigsten im Jahr 1852.

Das Proletariat in Frankreich bildet jetzt gewiß kaum die doppelte Prozentzahl der Bevölkerung gegen 1789. Damals war das Proletariat – wenigstens 1792–94 – so aufgewühlt und in tension, wie es nächstens nur sein wird. Schon damals stellte es sich heraus, daß in Revolutionskriegen mit heftig innern Konvulsionen die Masse des Proletariats zur Verwendung im Innern nötig ist. Dasselbe wird jetzt wieder und wahrscheinlich mehr als je der Fall sein, da die Chancen für den sofortigen Ausbruch von Bürgerkriegen mit dem Vorrücken der Alliirten zunehmen. Das Proletariat wird daher nur ein kleines Kontingent zur aktiven Armee schicken können; die Hauptquelle der Aushebung bleibt der Mob und die Bauern. D. h., die Revolution wird Krieg zu führen haben mit den Mitteln und nach der Methode der allgemeinen modernen Kriegführung.

Nur ein Ideologe könnte fragen, ob nicht mit diesen Mitteln, d. h. einer aktiven Armee von 4–5% der Bevölkerung, neue Kombinationen zu machen, neue überraschende Verwendungsmethoden zu erfinden seien. Ebensowenig wie man auf dem Webstuhl das Produkt vervierfachen kann, ohne die bewegende Kraft, die Handarbeit, durch den Dampf zu ersetzen, ohne ein neues Produktionsmittel zu erfinden, das mit dem alten Handwebstuhl nur wenig mehr gemein hat, ebensowenig kann man in der Kriegskunst mit den alten Mitteln neue Resultate erzeugen. Erst die Herstellung neuer, gewaltigerer Mittel macht die Erzielung neuer, großartiger Resultate möglich. Jeder große Feldherr, der in der Kriegsgeschichte durch neue Kombinationen Epoche macht, erfindet selbst entweder neue materielle Mittel oder er entdeckt zuerst den richtigen Gebrauch neuer, vor ihm erfundener materieller Mittel. Zwischen Turenne und dem alten Fritz liegt die Revolution in der Infanterie, die Verdrängung der Pike und des Luntenschlosses durch das Bajonett und das Steinschloß – und das Epochenmachende in der Kriegswissenschaft des alten Fritz besteht darin, daß er innerhalb der Grenzen der damaligen Kriegführung überhaupt die alte Taktik den neuen Instrumenten gemäß umschuf und ausbildete. Gerade wie Napoleons epochemachendes Verdienst darin besteht, daß er für die durch die Revolution möglich gemachten kolossaleren Armeemassen die einzig richtige taktische und strategische Verwendung fand und diese obendrein so vollständig ausbildete, daß im ganzen und großen moderne Generäle, weit entfernt, über ihn hinausgehn zu können, in ihren glänzendsten und geschicktesten Operationen nur ihn zu kopieren versuchen.

Summa summarum, die Revolution wird mit den modernen Kriegsmitteln und der modernen Kriegskunst gegen moderne Kriegsmittel und moderne Kriegskunst kämpfen müssen. Die Chancen des militärischen Talents sind für die Koalition mindestens ebensogroß wie für Frankreich: Ce seront alors les gros bataillons qui l'emporteront.25

IV

Sehen wir jetzt, was für Bataillone in die Schlachtlinie gebracht und wie sie verwendet werden können.

1. Rußland. Die russische Armee, Friedensfuß, beträgt nominell 1 100000 Mann, in Wirklichkeit gegen 750000. Seit 1848 hat die Regierung fortwährend gearbeitet, das Effektiv des Kriegsfußes von 1 500000 Mann zu erreichen, und Nikolaus und Paslewitsch haben möglichst überall selbst revidiert. Gering angenommen, hat Rußland jetzt also den vollen Friedensfuß – 1 100000 Mann – wirklich erreicht. Davon gehen ab, hoch gerechnet:

Für den Kaukasus . . . . . . .100000 M.
„ Rußland selbst . . . . . . .150000 „
„ die polnischen Provinzen150000 „
„ Kranke, Detachierte pp..150000 „550000 Mann

Bleiben disponibel 550000 Mann zur aktiven Verwendung gegen außen. Das ist kaum mehr gerechnet, als Rußland 1813 wirklich über die Grenze schickte.

2. Preußen. Das herrliche Kriegsheer, wenn die ganze Landwehr 1. und 2. Aufgebots, Überzählige und alles einberufen würde, betrüge mindestens 650000 Mann. Die Regierung kann aber höchstens für den Moment 550000 Mann mobilisieren. Ich rechne nur 500000. Diese brauchen nur wenig über das 2. Aufgebot (150000 Mann) zu Besatzung usw. zu detachieren, da überall die allmähliche Einberufung der Überzähligen und der neuen Konskription für das folgende Jahr – wofür Nikolaus schon sorgen wird – sowie die unaufhörlich durchmarschierenden Russen hinreichende Reserve gegen jeden inneren Aufstandsversuch bilden würden. Auch haben sie weniger Kranke, da sie sich im eignen Land konzentrieren und weniger weit bis an den Rhein zu marschieren haben als die Russen. Ich rechne indes wie bei den Russen die Hälfte ab, wobei die andre Hälfte disponibel bleibt: 250000 Mann.

3. Österreich. Hat unter den Waffen und beurlaubt, die ebenso rasch bei der Armee sind wie die preußische Landwehr, gering gerechnet 600000 Mann. Auch hier rechne ich die Hälfte ab, da wenigstens auf 2/3 der Monarchie die nachrückenden Russen bis zur Bildung neuer Reserven als Réserve im Innern dienen und die Herde der Insurrektion in Schranken halten. Blieben disponibel gegen den Feind – 300000 Mann.

4. Der Deutsche Bund. Da die Herren nahe am Rhein wohnen und die ganze Koalition bei ihnen durchmarschiert, so brauchen sie fast gar keine Besatzung gegen das Inland; um so weniger, als bei den ersten Erfolgen der Koalition gegen Frankreich die Reservearmeen sich quer durch Deutschland aufstellen würden, von Norden nach Süden. Der Deutsche Bund stellt wenigstens 120000 Mann.

5. Die italienischen Regierungen, die Dänen, Belgier, Holländer, Schweden pp. nehme ich einstweilen auf 80000 Mann an.

Die ganze Masse der Koalitionstruppen beläuft sich hiernach auf 1300000 Mann, die entweder schon unter den Waffen stehn oder sofort einberufen werden können. Die sämmtlichen Annahmen sind absichtlich zu gering. Die Abzüge für Kranke allein sind so stark, daß aus den Rekonvaleszenten usw. allein 2 Monate nach Beginn der Operationen eine zweite Armee von 350000 Mann an der französischen Grenze gebildet werden kann. Da aber heutzutage keine Regierung so unvernünftig ist, einen Krieg anzufangen, ohne zugleich mit dem Ausmarsch der aktiven Armee neue Aushebungen, so stark wie möglich, zu machen und diese der ersten Armee nachzuschicken, so muß diese zweite Armee noch bedeutend stärker ausfallen.

Die Truppen der ersten Armee (die 1300000 Mann) sind in circa 2 Monaten vollständig zu konzentrieren, und zwar folgendermaßen: Daß die Preußen und Östreicher in 2 Monaten ihre obigen Kontingente disponibel haben können, daran kann seit den Rüstungen vom vorigen November kein Zweifel mehr sein. Was die Russen angeht, so sind ihre drei definitiven Konzentrationspunkte zunächst Berlin, Breslau und Krakau oder Wien (vgl. unten). Von Petersburg nach Berlin sind ungefähr 45 Tagemärsche; von Berlin an den Rhein 16, zusammen 61 Märsche à 5 deutsche Meilen. Von Moskau nach Breslau 48 Märsche, von Breslau nach Mainz 20, zusammen 68 Märsche. Von Kiew nach Wien 40, von Wien nach Basel 22, zusammen 62 Märsche. Hierzu die Ruhetage gerechnet, die bei russischen Truppen und bei den obigen starken Märschen unter keiner Bedingung ausfallen können, so ist es klar, daß selbst die in Moskau, Petersburg und Kiew stationierten Truppen in drei Monaten bequem am Rhein sein können, und zwar in der Voraussetzung, daß die Leute bloß zu Fuß marschieren und daß die Eisenbahnen und der Transport zu Wagen nicht in Anwendung gebracht werden. Diese Mittel aber können in Deutschland fast überall, in Rußland und Polen wenigstens teilweise in Anwendung kommen und würden den Transport der Truppen im ganzen gewiß um 15–20 Tage verkürzen. Die Hauptmasse der russischen Truppen steht aber schon jetzt in den polnischen Provinzen konzentriert, und sowie die politischen Verhältnisse eine Krise wahrscheinlich machen, wird man noch mehr Truppen dahin dirigieren, so daß die Anfangspunkte der Marschlinie nicht Petersburg, Moskau und Kiew, sondern Riga, Wilna, Minsk, Dubno, Kamieniec sein werden, d.h., daß die Marschlinie um ca. 60 Meilen – 12 Marsch- und 4 Ruhetage – verkürzt wird. Dabei wird ein großer Teil der Infanterie – besonders der, der aus den entfernteren Stationen kommt – wenigstens jeden dritten oder Ruhetag 5 Meilen weit gefahren werden können, so daß für diesen Teil die Ruhetage als Marschtage zählen. Das Material der Artillerie, die Munitionen und Vorräte würden dann die Eisenbahn frei behalten, die Bespannung und Bedienung der Artillerie würde marschieren resp. fahren und so jedenfalls früher ankommen als nach der bisherigen Weise.

Nach alle diesem scheint mir nichts im Wege zu stehn, das die Konzentrierung der Koalitionsarmee am Rhein zwei Monate nach dem Ausbruch der Revolution in folgender Weise verhindern könnte:

Erste Armee:1. Erste Linie am Rhein und vor Piemont,
Preußen, Östreicher pp. ............750000 M.
Russen ...........................300000 M.
1050000 M.
2. Zweite Linie, Reserve,
10 Märsche zurück, Russen .........250000 M.
total1300000 M.
wie oben
Zweite Armee:1. Reserve der kleinen Koalierten,
Preußen, Östreicher usw. in der
Konzentration begriffen ............200000 M.
2. Russische Reserve, im Marsch,
20 Märsche zurück .................150000 M.
350000 M.
beide Armeen total1650000 M.

Im Grunde sind unter den jetzigen Verhältnissen kaum 5–6 Wochen nötig, um 300000 Russen an den Rhein zu bringen, und in derselben Zeit können Preußen, Östreicher und die kleinen Alliierten ihre obigen Kontingente an den Rhein bringen; aber um den unvorhergesehenen Hindernissen, die bei jeder Koalition sich einstellen, gehörig Rechnung zu tragen, nehme ich volle zwei Monate an. Die Aufstellung der alliierten Truppen im Moment, wo Napoleon von Elba kam, war in Beziehung auf einen Marsch nach Frankreich kaum so günstig wie die jetzige, und doch waren die Russen am Rhein, als Napoleon sich bei Waterloo gegen die Engländer und Preußen schlug.

Welche Ressourcen hat Frankreich den Alliierten entgegenzusetzen?

1. Die Linie beträgt ca. 450000 Mann, wovon 50000 in Algier nicht entbehrt werden können. Von den übrigen 400000 gehen ab die Kranken, das notwendige Minimum für Festungsbesatzungen, kleinere Detachierungen in zweideutigen Gegenden des Innern, bleiben disponibel höchstens 250000 Mann.

2. Das beliebte Mittel der jetzigen Roten: Die ausgedienten Soldaten zur Fahne zurückzurufen, ist mit Erfolg zwangsweise höchstens bei 6 Altersklassen, d. h. vom 27.–32. Jahr, anzuwenden. Jede Altersklasse trägt zur Konskription bei 80000 Mann. Die Ravagen des algerischen Kriegs und Klimas, die gewöhnliche Sterblichkeit während 12 Jahren, der Ausfall der Untauglichgewordenen, Ausgewanderten und derer, die sich dem Wiedereintritt auf die eine oder die andre Weise zu entziehen wissen zu einer Zeit, wo die Verwaltung ohnehin in Unordnung gerät, reduzieren die 480000 ehemaligen Rekruten dieser 6 Altersklassen auf höchstens 300000 Wiedereintretende. Davon gehn 150000 ab für Festungsbesatzungen, die man hauptsächlich aus dieser Klasse älterer, großenteils verheirateter Leute nehmen wird – bleiben 150000 Mann. Diese sind ohne Schwierigkeit bei einigermasen geschickter Direktion in 2 Monaten mobil zu machen.

3. Die Volkswehr, Freiwilligen, Volontärs, levée en masse oder wie man dies untergeordnete Kanonenfutter sonst nennen will. Mit Ausnahme von etwa 10000 noch zusammenzubringenden gardes mobiles hat kein Mann davon mehr Bekanntschaft mit den Waffen als irgendein deutscher Bürgerwehrmann. Die Franzosen lernen das Handwerk rascher, aber 2 Monate sind eine sehr kurze Zeit, und wenn Napoleon seine Rekruten in 4 Wochen durch die Bataillonsschule passieren lassen konnte, so brachte er das nur mit ausgezeichneten Cadres fertig, während die erste Folge der nächsten Revolution die Desorganisation selbst der Cadres der Linie ist. Dazu sind unsre französischen Revolutionäre bekanntlich traditionell, und ihr erster Schrei wird sein: Levée en masse! Deux millions d'hommes aux frontières!26 Die deux millions d'hommes wären schön und gut, wenn man sich von der Koalition wieder solcher Dummheiten zu versehen hätte wie Anno 1792 und 1793 und Zeit hätte, die 2000000 Mann nach und nach einzuüben. Aber davon kann keine Rede sein. Man muß sich darauf gefaßt machen, binnen zwei Monaten eine Million aktiver feindlicher Soldaten an der Grenze zu haben, und es handelt sich darum, dieser Million mit Chance des Erfolgs gegenüberzutreten.

Wenn die Franzosen wieder als traditionelle Nachbeter von 1793 auftreten, so unternehmen sie die Geschichte mit den 2 Millionen, d. h., sie unternehmen so viel, daß das wirkliche Resultat bei der kurzen Frist auf Null hinausläuft. Die Einübung und Organisation von 1500000 Mann in 8 Wochen, ohne Cadres, läuft in der Praxis auf eine sinnlose Verzettelung aller Ressourcen und auf die Verstärkung der Armee nicht einmal durch ein einziges brauchbares Bataillon hinaus.

Wenn sie dagegen einen ordentlichen Kriegsminister haben, der einige Kenntnis hat von Revolutionskriegen und den Methoden, rasch eine Armee zu schaffen, und wenn man dem keine auf Unwissenheit und Popularitätssucht beruhenden dummen Hindernisse in den Weg legt, so wird er sich in den Grenzen des Möglichen halten und kann viel tun. Man wird dann mehr oder weniger auf folgenden Plan herauskommen müssen:

Die bewaffnete Macht besteht zunächst aus zwei Bestandteilen: 1. proletarische Garde in den Städten, Bauerngarde auf dem Land, soweit das Land verläßlich ist zum Dienst im Innern; 2. regelmäßige Armee gegen die Invasion. – Der Festungsdienst wird von der proletarischen und Bauerngarde geleistet; die Armee liefert nur die nötigsten Detachements. Paris, Straßburg, Lyon, Metz, Lille, Valenciennes, die wichtigsten Festungen, die zugleich große Städte sind, werden außer ihrer eignen Garde und wenigen Bauerndetachements aus der Umgegend nur wenig Linie zur Verteidigung nötig haben. Die im Innern disponiblen proletarischen Garden, soweit sie aus nichtbeschäftigten Arbeitern bestehn, werden in einem Übungslager vereinigt und von zum Felddienst untauglichen alten Offizieren und Unteroffizieren eingeübt, um die Lücken in den Reihen der aktiven Armee zu füllen. Das Lager kann bei Orléans angelegt werden – zugleich eine Drohung gegen die legitimistischen Gegenden.

Die Linie, soweit sie in Frankreich ist, muß verdreifacht, von 400000 auf 1100000 Mann gebracht werden. Dies geschieht so: Jedes Bataillon wird in ein Regiment verwandelt – das dabei unvermeidliche allgemeine Avancement wird den Offizieren und Unteroffizieren nicht weniger Respekt vor der Revolution einflößen als die Guillotine und das Kriegsgericht. Die unvermeidliche Erweiterung des Cadres geschieht dabei möglichst allmählich, und was von Offizieren zu gewinnen ist, wird gewonnen. Dies ist bei der Unmöglichkeit, in 2 Monaten Offiziere zu hexen, sehr wichtig. Ohnehin herrscht bei den mittlern und niedern Graden der französischen Armee noch so viel Nationalgefühl, daß diese Leute mit etwas Avancement, einer energischen Leitung der Kriegsdepartements und einiger Chance des Erfolgs sich im Anfang ganz gut machen werden, besonders wenn ein paar Exempel an Meuterern und Deserteuren statuiert sind. Die Schüler der Militärschulen, die Beamten der Ponts-et-Chaussées27 geben vortreffliche Artillerie- und Genieoffiziere, und nach ein paar Aktionen werden sich jene bei den Franzosen so häufigen untergeordneten militärischen Talente zu entwickeln anfangen, die eine Kompanie zu führen verstehn, wenn sie einmal im Feuer gewesen sind.

Was die Soldaten selbst betrifft, so stellt

die Linie400 000 M.
die Wiedereinberufenen300 000 M.
bleiben noch auszuheben und einzuüben500 000 M.
zusammen1 200 000 M.
wovon für Kranke100 000 M. ab
bleiben1 100 000 M.

Von diesen sind aktiv zu verwenden:

Linie250 000 M.
Wiedereinberufene150 000 M.
Rekruten400 000 M.
800 000 M

Was man damit anfangen kann, wird sich zeigen. Die Einübung von 400 000 bis 500 000 Mann aber als Rekruten zur Linienarmee, die mit den bisherigen und wiedereinberufenen Soldaten in den Regimentern und Bataillonen verschmolzen werden, innerhalb zwei Monaten, ist so überaus schwer nicht, wenn rasch, le lendemain de la révolution28, ans Werk gegangen wird. Alle diese Verstärkungen würden die Infanterie und Artillerie treffen; in 2 Monaten kann man wohl einen Infanteristen und einen wenigstens zur einfachen Geschützbedienung brauchbaren Kanonier ausbilden, aber keinen Kavalleristen. Der Zuwachs der Kavallerie würde also sehr schwach sein.

Bei dem ganzen Bewaffnungsplan wird vorausgesetzt, daß ein ordentlicher Kriegsminister da ist, der die politischen Verhältnisse zu würdigen versteht, der strategische, taktische und Detailkenntnisse über alle Waffen besitzt und der die gehörige Portion Energie, Raschheit und decisiveness29 hat und dem von den Eseln, die mit ihm regieren werden, freie Hand gelassen wird. Aber wo hat die „rote“ Partei in Frankreich so einen Kerl! Die Chancen sind im Gegenteil, daß wie gewöhnlich ein unwissender Kerl, den man und der sich als bon démocrate30 natürlich jedem Posten gewachsen glaubt, den Carnot zu spielen versuchen, daß er Massenaushebung dekretieren, alles vollständig auflösen, sehr bald am Ende seines Witzes ankommen, dann alles der Routine alter Unterbeamten überlassen und die feindlichen Armeen bis vor Paris kommen lassen wird. Heutzutage aber einer europäischen Koalition zu widerstehn, muß man nicht Pache und Bouchotte, auch nicht Carnot, man müßte Napoleon sein oder entsetzlich dumme Feinde und entsetzlich viel Glück haben.

Es ist nicht zu übersehn, daß bei allen Berechnungen der Streitkräfte der Koalition das Minimum der Gesamtmacht und das Maximum der Abzüge angenommen worden, so daß bei nur einigermaßen erträglicher Direktion die disponible Truppenmasse größer und die nötige Zeit zur Konzentration geringer sein wird als hier angegeben. Bei Frankreich dagegen sind die Annahmen umgekehrt; die disponible Zeit ist möglichst lang, die möglicherweise zu organisierende Gesamtmacht ist sehr hoch, die Abzüge gering, also die disponible Truppenmasse möglichst groß angenommen. Mit einem Wort: alle diese Kalkulationen stellen – von unvorhergesehenen Ereignissen und von groben Böcken der Alliierten abstrahiert – den für die Revolution möglichst günstigen Fall dar.

Dazu ist vorausgesetzt worden, daß die Revolution und Invasion nicht sogleich im Innern des Landes Bürgerkrieg hervorruft. Es ist jetzt, 60 Jahre nach dem letzten Bürgerkrieg in Frankreich, unmöglich zu bestimmen, inwiefern der legitimistische Fanatismus einer mehr als ephemeren Insurrektion fähig ist; es ist indes klar, daß in demselben Maß, wie die Alliierten vorrücken, auch die Chancen einer Erhebung wie 1793 in Lyon, Toulon pp., einer momentanen Allianz aller politisch gestürzten Klassen und Fraktionen zunimmt. Nehmen wir indes auch hier den für die Revolution günstigsten Fall, nämlich daß die revolutionäre proletarische und Bauerngarde imstande ist, die rebellischen Departements und Klassen glücklich zu entwaffnen.

Auf die Chancen, die durch Aufstände in Deutschland, Italien pp. der Revolution gegeben werden können, kommen wir gleich zu sprechen.

V

Wir kommen jetzt zur wirklichen Kriegführung.

Wenn man den einen Fuß eines Zirkels auf der Karte auf Paris setzt und mit der Entfernung von Paris bis Straßburg als Radius einen Kreis um Paris beschreibt, so trifft die Peripherie dieses Kreises im Süden die französische Grenze zwischen Grenoble und Chambéry bei Pont de Beauvoisin, folgt ihr in nördlicher Richtung über Genf, den Jura, Basel, Straßburg und Hagenau und folgt dann dem Lauf des Rheins bis zu seiner Mündung; wenn sie sich an einzelnen Punkten von ihm entfernt, so erreicht diese Entfernung nie die Länge von zwei Tagemärschen. Wäre der Rhein die Grenze Frankreichs, so wäre Paris von dem Punkt an, wo die Alpen aufhören diese Grenze zu decken, bis zur Nordsee gleich weit von der Grenze entfernt. Das militärische System Frankreichs, mit Paris als Zentrum, hätte alle seine geographischen Bedingungen erfüllt. Dieser einfache Kreisbogen von Chambéry bis Rotterdam, der alle Punkte der einzigen offenen Grenze Frankreichs, und noch dazu der Grenze, die der Hauptstadt am nächsten liegt, auf die gleichmäßige Entfernung von etwa 70 deutschen Meilen – 14 Tagemärschen – von Paris reduziert und zu gleicher Zeit die Grenze durch einen breiten Strom deckt – das ist die militärische reelle Basis der Behauptung, daß der Rhein die natürliche Grenze Frankreichs sei.

Dieselbe eigentümliche Konfiguration seines Laufs macht den Rhein aber auch zum Ausgangspunkt aller konzentrischen Operationen gegen Paris, denn die verschiedenen Armeen, um gleichzeitig vor Paris ankommen, gleichzeitig von verschieden Seiten bedrohen zu können, müssen gleichzeitig von gleich weit entfernten Punkten aufbrechen. Die Operationen jeder kontrerevolutionären Koalitionsarmee gegen Frankreich müssen konzentrisch sein, so gefährlich alle konzentrischen Operationen sind, bei denen der Konzent rationspunkt im Bereich des Feindes liegt oder gar seine Operationsbasis bildet: 1. weil mit Paris Frankreich erobert ist; 2. weil kein Teil der im Bereich der Operationen französischer Armeen liegenden Grenze bloßgegeben werden darf, da sonst die Franzosen auf dem Gebiet der Koalition, im Rücken ihrer Armeen, durch Sendung von Armeen Insurrektionen provozieren könnten; 3. weil die Massen, die jede Koalition gegen Frankreich schleudern muß, zu ihrer Ernährung mehrfachc Operationslinien nötig haben.

Die zu deckende Grenze für beide Armeen geht von Chambéry bis Rotterdam. Die spanische Grenze bleibt einstweilen außer Betracht. Die italienische vom Var bis an die Isère ist durch die Alpen gedeckt und entfernt sich immer weiter von Paris, da sie die Tangente des obigen Kreises bildet. Sie kann nur in Betracht kommen: 1. wenn die befestigten Defileen der Savoyer Alpen, namentlich des Mont Cenis, in den Händen der Franzosen sind; 2. wenn man an der Küste eine Diversion machen will, zu der besondere Gründe vorliegen müssen: 3. wenn französische Armeen, nachdem die Grenze an allen andern Punkten sichergestellt ist, offensiv vorgehn wollen wie 1796 Napoleon. Für alle andern Fälle liegt sie zu weit ab.

Die aktiven Operationen, sowohl für die Koalition wie für Frankreich, beschränken sich also auf die Linie von Chambéry oder der Isère bis nach der Nordsee und auf das Gebiet, das zwischen dieser Linie und Paris liegt. Und gerade dieser Teil von Frankreich bietet ein Terrain dar, das zur Verteidigung wie geschaffen ist und dessen Gebirgs- und Flußsysteme militärisch kaum besser gewünscht werden könnten.

Von der Rhône bis zur Mosel ist die Grenze durch einen langen, schwer und nur an bestimmten Punkten passierbaren Gebirgszug gedeckt: den Jura, an den sich die Vogesen anschließen, deren Verlängerung wieder der Hochwald und Idarwald bilden. Beide Gebirge laufen der Grenze parallel, und die Vogesen werden noch dazu durch den Rhein gedeckt. Zwischen Mosel und Maas decken die Ardennen, jenseits der Maas die Argonnen den Weg nach Paris. Nur das Gebiet von der Sambre zur See ist offen, aber hier wird die Lage jeder vordringenden Armee auch gefährlicher mit jedem Schritt, den sie vorwärts tut – sie riskiert bei einigermassen geschickten Operationen einer starken französischen Armee, von Belgien abgeschnitten und in die See geworfen zu werden. Dazu ist die ganze Linie von der Rhône bis zur Nordsee mit Festungen gespickt, von denen einige, z. B. Straßburg, ganze Provinzen beherrschen.

Von dem Vereinigungspunkt des Jura und der Vogesen läuft ein Gebirgszug in südwestlicher Richtung nach der Auvergne zu, der die Wasserscheide zwischen der Nordsee und dem Ozean einerseits und dem Mittelmeer andererseits bildet. Von ihm fließt nach Süden die Saône, nach Norden parallel die Mosel, die Maas, die Marne, die Seine, die Yonne. Zwischen je zweien dieser Flüsse, wie zwischen Yonne und Loire, zweigen sich lange Gebirgsketten ab, die, nur von wenigen Straßen durchschnitten, die einzelnen Flußtäler voneinander trennen. Dies ganze Gebirgsland ist zwar für alle Waffengattungen größtenteils praktikabel, aber sehr unfruchtbar, und keine große Armee kann sich lange darauf halten.

Ist auch dies Gebirge sowie die gleich unfruchtbaren Höhenstriche der Champagne, die das Maasgebiet vom Seinegebiet trennen, überstiegen, so tritt die feindliche Armee ins Gebiet der Seine. Und hier erst zeigen sich die auffallenden militärischen Vorteile der Lage von Paris vollständig.

Das Flußgebiet der Seine abwärts bis zur Mündung der Oise wird von mehreren, in fast parallelen Bogen in nordwestlicher Richtung strömenden Flüssen gebildet – der Yonne, der Seine, der Marne, der Oise und Aisne, von denen jeder noch in gleicher Richtung strömende Nebenflüsse hat. Alle diese bogenförmigen Täler vereinigen sich ziemlich nahe beieinander, und im Zentrum dieser Vereinigungspunkte liegt Paris. Die Hauptstraßen nach Paris von allen Landgrenzen zwischen dem Mittelländischen Meer und der Schelde laufen durch diese Flußtäler und laufen mit ihnen konzentrisch in Paris zusammen. Die Armee, die Paris verteidigt, kann sich also immer in kürzerer Zeit konzentrieren und von einem bedrohten Punkt zum andern wenden als die angreifende Armee, weil von zwei konzentrischen Kreisen der innere die kleinere Peripherie hat. Die bewundernswürdige Benutzung dieser Vorteile, die unermüdliche Bewegung auf der Peripherie des inneren Kreises machte es Napoleon in seinem glänzenden Feldzug von 1814 möglich, mit einer Handvoll Soldaten zwei Monate lang die ganze Koalition im Seinegebiet im Schach zu halten.31

Geschrieben im April 1851.
Nach der Handschrift.
Quelle: Marx/Engels: Werke, Bd. 7, Berlin: Dietz Verlag 1982, S. 468-493.